Lektion 342 - Bhakti und deine Yogapraktiken
Von: Yogani
Datum: 26.06.2009
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das Archiv von Anfang an zu lesen, da die vorherigen Lektionen die
Voraussetzung für diese Lektion sind. Die erste Lektion lautet: "Warum diese
Erörterung?"
Die Rolle von Bhakti bei der Umsetzung unserer Yogapraktiken ist
allgegenwärtig und essentiell. Wenn wir uns dazu inspirieren lassen, eine
tägliche Yogapraktik zu beginnen und dann mit der Entwicklung einer
umfassenden Yogapraktik fortfahren, haben wir zunächst Bhakti, die
Sehnsucht, unser höchstes Potenzial zu erfüllen. Bewegt durch die wachsende
Bhakti, die durch unsere Praktiken angeregt wird, arbeiten wir uns Schritt
für Schritt durch den Aufbau einer täglichen Routine, die unseren besonderen
Bedürfnissen entspricht. Am Ende werden wir auf den Flügeln der Bhakti
fliegen, wenn wir unsere Liebe und unseren immer größer werdenden
spirituellen Einfluss mit allen Menschen in nah und fern teilen, die wir
zunehmend als Ausdruck unseres göttlichen Selbst betrachten.
Während dieses Prozesses wird sich unsere Bhakti durch die fortschreitende
Reinigung und Öffnung in uns ausweiten. Das Wachstum unserer spirituellen
Sehnsucht ist nichts anderes als das Wachstum der Stille in uns und des
göttlichen Flusses, der durch uns hindurchkommt. Bhakti und die entstehende
spirituelle Wirklichkeit sind ein und dasselbe. Es ist der göttliche Fluss
des Lebens, der fortwährend die Vereinigung sucht - die Vereinigung der
absoluten Stille des reinen Glückseligkeitsbewusstseins mit den
energetischen Ausdrucksformen des Lebens in uns und um uns herum. Diese
beiden (Stille und energetische Ekstase), ganzheitlich integriert und im
Einssein gelebt, bilden die Vollkommenheit des Lebens im erleuchteten
Zustand.
Bhakti zeigt sich deutlich in der Sprache der Glieder
des Yoga in Niyama, den Befolgungen, als spirituelle Intensität (Tapas) und
aktive Hingabe an das Göttliche (Ishvara Pranidhana).
Die
Intensität unserer Hingabe an das von uns gewählte Ideal, unser Hunger und
Durst nach dem Göttlichen, ist eine wesentliche Dynamik von Bhakti, die zu
jeglichem spirituellen Fortschritt führt, einschließlich der Durchführung
täglicher Praktiken wie Tiefenmeditation, Spinalatmung Pranayama,
körperlicher Methoden wie Asanas, Mudras und Bandhas, der Bewahrung und
Kultivierung der sexuellen Energie (Brahmacharya-Tantra) und einer
fortwährenden Ergründung der Natur unseres Selbst in Beziehung zur Welt.
Alle Glieder des Yoga sind im menschlichen Nervensystem auf
natürliche Weise miteinander verbunden. Jede Praxis, die wir ausführen,
beeinflusst die Wirksamkeit aller anderen Praktiken. Das gilt auch für
Bhakti. Bhakti erhöht die Wirksamkeit der Tiefenmeditation und der
Spinalatmung, und diese Praktiken erhöhen die Wirksamkeit von Bhakti. Wenn
wir unsere Bhakti kultivieren und täglich meditieren, neigen wir
natürlicherweise mehr zum spirituellen Studium und zu anderen Aktivitäten,
die mit unserem Erwachen verbunden sind. Genauso verhält es sich mit der
Verflechtung aller Yogapraktiken. Das Ganze des Yoga ist viel größer als die
Summe seiner Teile, genauso wie das gesamte menschliche Nervensystem viel
größer ist als die Ansammlung seiner Einzelteile. Yoga und die spirituellen
Fähigkeiten des Menschen sind ein und dasselbe. Yoga leitet sich direkt aus
der höheren Funktionsweise unseres Nervensystems ab und wurde nicht
irgendwie abseits davon erfunden. Bhakti in der Gesamtfunktion des Yoga
befeuert die sich ausdehnende Spirale aus Sehnsucht, Handlung in der Praxis,
Reinigung und Öffnung, mehr Sehnsucht, mehr Handlung in der Praxis, mehr
Reinigung und Öffnung, und so weiter…
Wohin führt das alles? Zu
einem dauerhaften Zustand anhaltender innerer Stille, ekstatischer
Glückseligkeit, ausströmender göttlicher Liebe und der Vereinigung des
begrenzten persönlichen Selbst mit dem unbegrenzten göttlichen Selbst. Und
dann geht Bhakti weiter, indem wir uns in der Welt auf eine Art und Weise
ausdrücken, die für alle, die wir berühren, sichtbar und unsichtbar,
verbindend ist. Es ist die Kraft der Liebe, die durch jeden und überall
wirkt und die Illusion der Trennung auflöst.
Ein wesentlicher
Aspekt von Bhakti liegt in unserer Bereitschaft, unserer aufkeimenden
göttlichen Sehnsucht auf praktische Weise nachzukommen. Die tägliche
sitzende Praxis ist der Inbegriff dafür, denn wirksame Praktiken, die
langfristig und konsequent durchgeführt werden, fördern unsere Bhakti und
unseren Fortschritt auf dem Weg zur Erleuchtung mehr als jede andere
Handlung. Die Kombination von Praktiken und Bhakti ist so effektiv, dass wir
uns in der luxuriösen Lage befinden, ab und zu langsamer vorgehen zu müssen.
Es ist möglich, zu viel des Guten zu haben. Daher wenden wir bei Bedarf eine
Selbstabstimmung unserer Praktiken und unserer Bhakti an, so wie in der
vorherigen Lektion beschrieben. Selbstabstimmung ist ein Aspekt der
Praktiken, der durch die gesamten AYP-Schriften hindurch erörtert wird.
Manchmal kommt die Frage auf: "Ich verspüre keine intensive
spirituelle Sehnsucht und mache trotzdem Yogapraktiken. Wo ist also meine
Bhakti?"
Wenn wir uns dazu entschlossen haben, unsere täglichen
Yogapraktiken zu machen und die Gewohnheit zu bilden und aufrechtzuerhalten,
dann ist Bhakti da. Sie muss sich nicht immer in Form von intensivem Hunger
und Durst nach dem Göttlichen oder überschwänglichen spirituellen Gefühlen
äußern. Tatsächlich ist eine stille Entschlossenheit auf unserem Weg genauso
viel oder mehr Bhakti als die Art, die sich ständig dramatisch zeigt. Das
Herzstück unserer spirituellen Entwicklung ist das Aufkommen der inneren
Stille. Diese wird in der täglichen Tiefenmeditation kultiviert, kann aber
auch bis zu einem gewissen Grad in uns wohnen, bevor wir uns bewusst auf
unseren spirituellen Weg begeben. Stille ist Bhakti und Bhakti ist Stille.
Bhakti ist auch Energie, so wie Stille aller Energie zugrunde liegt
und sie belebt. Emotion ist die Bewegung von Energie in uns, sie bewegt
sich, um Wünsche tief in unserem Herzen zu erfüllen. Mit der Zeit wird die
energetische Seite von Bhakti als ekstatische Leitfähigkeit des ganzen
Körpers und als Ausstrahlung erfahren, das ist das Erwachen der Kundalini,
der riesigen latenten evolutionären Energie, die in uns wohnt. Dies führt
zur Introversion der Sinneswahrnehmung (Pratyahara, ein Glied des Yoga) und
zu einer engeren Beziehung mit dem Göttlichen, das in und um uns herum
fließt. Die Erfahrung der aufsteigenden Ekstase ist sehr spürbar und
manchmal überwältigend, sie verzehrt uns in einer riesigen inneren Säule aus
feuriger, leuchtender Energie, die unweigerlich von uns nach außen strahlt.
Unsere Bhakti spielt eine Schlüsselrolle bei der Förderung des inneren
Energieflusses und wird auch von den Ereignissen in uns beeinflusst. Unser
gewähltes Ideal (Ishta) erweitert sich entsprechend und geht immer über die
aktuellen Erfahrungen hinaus, egal wie dramatisch diese auch sein mögen. Ein
echtes Ishta wird sich nie lange auf seinen Lorbeeren ausruhen. Es strebt
immer nach dem Höchsten in uns.
Die Bandbreite der Erfahrungen,
die wir mit Bhakti machen können, ist also vielfältig und grundlegend, von
der Leidenschaftslosigkeit des Verweilens in innerer Stille (dem Zeugen) bis
hin zu den intensiven Emotionen der direkten Wahrnehmung des göttlichen
Flusses, der überall stattfindet. Später auf unserer Reise führt uns Bhakti
zur beziehungsvollen Selbstergründung (in Stille) und zur direkten Erfahrung
des Lebens und Dienens in einem fortwährend befreiten, nicht-dualen
(Advaita) Zustand. All dies basiert auf unserer Sehnsucht nach Öffnung, nach
Vereinigung, und entfaltet sich durch die Mittel, zu deren Einsatz wir
inspiriert werden, um den Prozess der menschlichen spirituellen
Transformation zu befördern.
Alle Handlungen, die wir als
Ergebnis unserer Bhakti in der Praxis ausführen, fallen in den Bereich des
Karma Yoga, den Bereich von Ursache und Wirkung. Handeln ist unerlässlich.
Praktiken und wie wir sie integrieren, stellen eine Optimierung von Ursache
und Wirkung zum Zweck unserer spirituellen Entfaltung dar. Da dies eine
Beziehung zwischen Handlungen und Reaktionen in uns aufbaut, die für jeden
Menschen auf seinem Weg vorhersehbar und wiederholbar ist, können wir sagen,
dass es sich um einen wissenschaftlichen Ansatz zur menschlichen
spirituellen Transformation handelt.
Karma Yoga blickt auch über
unsere strukturierten spirituellen Praktiken hinaus auf unser Verhalten in
allen Aspekten des täglichen Lebens. Dies ist die gängigste Auffassung von
Karma Yoga, als Dienst ohne Erwartung. Aber wenn man Karma Yoga als etwas
betrachtet, das mit sitzenden Praktiken beginnt, erhält es eine neue
Dimension. So wie das Aufkommen spiritueller Sehnsucht eine gute
Ausgangsbasis für den Einstieg in die Praktiken ist, so sind auch die
Praktiken eine gute Ausgangsbasis für die natürliche Höherentwicklung
unseres Verhaltens im täglichen Leben. Kurz gesagt ist die Sehnsucht nach
Erfüllung in unserem Herzen (unsere Bhakti) ein direkter Weg zum
Meditationssitz, und der Meditationssitz ist ein direkter Weg zu zunehmend
evolutionärem Handeln in der Welt, dem Entstehen von Stille in Handlung, was
Einheit ist. Dies ist ein wirksamer Ansatz, um das Geheimnis unseres Karmas
automatisch zu entschlüsseln und spontan zum Wohle aller zu dienen. Wir
werden uns dies in den kommenden Lektionen genauer ansehen.
Der
Guru ist in dir.